Und dann der Regen

Beinahe wäre Und dann der Regen (Tambien la lluvia) nie in die deutschen Kinos gekommen. Er wäre direkt auf DVD erschienen, hätte Piffl Medien sich der spanisch-mexikanisch-französischen Ko-Produktion nicht in letzter Minute angenommen.

© Piffl Medien

Warum wird eigentlich davon ausgegangen, dass sich in Deutschland niemand für Südamerika interessiert? Diese Frage habe ich mir schon oft gestellt und keine Antwort gefunden, aber ich glaube doch, dass es sich dabei um eine falsche und ängstliche Annahme handelt. Südamerika geht uns genauso viel an wie die Ex-Kolonisatoren in Spanien und die aktuellen Profiteure aus den USA – schließlich stecken wir genauso mit drin im System der Ausbeutung, in dem etwa mit Spekulation über Rohstoffe in Bolivien an den Börsen Geld gemacht wird.

Wenn dann noch Luis Tosar und Gael García Bernal die Hauptdarsteller vom Plakat pranken, sollte der Film nicht nur für politisch Interessierte zum Pflichtprogramm werden. Mit Karra Elejalde (Biutiful) und dem bolivianischen Laiendarsteller Juan Carlos Aduviri sind auch die nächstwichtigen Rollen exzellent besetzt. Aduviri spielt den charakterstarken Daniel aus der bolivianischen Großstadt Cochabamba, der sich dort für das Recht der Bevölkerung auf bezahlbares Trinkwasser einsetzt. Das ist übrigens auch seine Rolle in der Realität, doch davon später. In Und dann der Regen wird er trotz und gerade wegen seiner rebellisch-ausdrucksstarken Art für den Film gecastet, den der junge Regisseur Sebastián (Gael García Bernal) und Produzent Costa (Luis Tosar) dort über Kolumbus’ Ankunft in der Karibik drehen wollen.

Sebastián kommt in der ehrenhaften Absicht, die Grausamkeit der Conquistadores und den Beginn des indigenen Widerstands darzustellen – allerdings ist er sich unter Druck des zynischen Costa nicht zu schade, im billigsten Land ganz Südamerikas zu drehen, in dem die lokale Crew mit einem Lohn von 2 Dollar am Tag zufrieden ist. Die Handlung bestimmen nun der heldenhafte Daniel und Costa, der eine Läuterung durchlebt. Daniel riskiert Job, Kopf und Kragen im Kampf gegen den nordamerikanischen Konzern, der 2000 tatsächlich Druck auf die bolivianische Regierung ausübte, die Wasserversorgung zu privatisieren. Costa entwickelt langsam Respekt vor dem leidenschaftlichen Kämpfer, setzt ihn gleichzeitig jedoch unter Druck, die Dreharbeiten nicht durch seine Festnahme platzen zu lassen. Der Plot ist raffiniert gestrickt, an vielen Stellen tritt die Wiederholung der Kolonialgeschichte in der Art, wie das Filmteam in Cochabamba einfällt, hervor. Vor einer guten Ladung Arbeiterklassenromantik sind wir ZuschauerInnen da nicht sicher. Es fallen Sätze wie „Verstehst du nicht, dass Wasser Leben ist?“ Das ist auch kein Wunder bei einem Drehbuchautor, der für seine Kollaborationen mit Ken Loach bekannt ist (Paul Laverty). Und bei einer Regisseurin, die ein Buch über Ken Loach geschrieben hat (Icíar Bollaín). Aber weiter schlimm ist das nicht. Es kann einen komplizierten Film mit einer unbequemen Thematik zu einem Publikumsliebling machen. Keine Angst, sich zur Identifikation verführen zu lassen und dann irgendwann mit schalem Gefühl aufzumerken: Worin lasse ich mich denn da fallen? Nein, hier kann man sich ganz Icíar Bollaín anvertrauen, mitfiebern und alle irgendwie verstehen, es wird keinen schalen Moment geben. Liefe er nicht erst am 29. Dezember in Deutschland an, ich würde den Film als Weihnachtsfilm empfehlen, weil er familienfreundlich, in seinem Idealismus so warmherzig ist und all die guten Werte kommuniziert, die manche „christlich“ nennen.

Übrigens gab es tatsächlich in Kolumbus’ Tross zwei Dominikaner-Mönche, die die Ausbeutung der Indigenen anprangerten: Antonio Montesino und Bartolomé de las Casas. Auch ihre Geschichte sollte der Film im Film erzählen. Und Paul Laverty erzählt, das Filmteam von Und dann der Regen sei selbstverständlich nicht so unreflektiert nach Bolivien gegangen wie es im Film zu sehen ist. Vielmehr habe die Regisseurin eng mit den dortigen indigenen Communities zusammengearbeitet, Geld in Entwicklungsarbeit dort gesteckt und schließlich SchauspielerInnen gefunden, die selbst an dem Aufstand gegen die Privatisierung des Wassers beteiligt waren, wie Juan Carlos Aduviri, der inzwischen Dank des Filmes um die halbe Welt reist.

Ein gleichzeitig sehr unterhaltsamer, bewegender und politisch engagierter Film, dem man ein bisschen Heldentum und Läuterung des Zynikers gerne verzeiht. Die hervorragenden Schauspieler und der komplexe Plot machen neben berührt auch glücklich und zufrieden.

Dieser Artikel ist ebenfalls bei Movienerd.de erschienen:
http://www.movienerd.de/?page_id=24215

16th Berlin & Beyond Film Festival

Am 20. Oktober ist es soweit: Das deutschsprachige Film Festival San Franciscos, Berlin & Beyond, feiert seine Opening Night.

Wie sich das dieses Jahr gehört mit Almanya – Willkommen in Deutschland. Mit 23 Feature Films ist Berlin & Beyond das zweitgrößte Festival mit deutschen, österreichischen und schweizer Filmen außerhalb des Sprachraums – und natürlich das sympathischste! Großer Pluspunkt ist zudem, dass es im legendären Castro Theatre stattfindet, einem riesenhaften neobarocken Kultkino, dass seine Zuschauer_innen mit Orgelintro zum Platznehmen bittet und das mitten im niemals zu Ruhe kommenden Schwulenviertel.

Hier soll keine journalistische Objektivität vorgegaukelt werden: Ich war diesmal hinter den Kulissen mit dabei, auf der anderen Seite des Akkreditierungtresen. Ich habe in der schönen Art Lounge des Goethe Instituts San Francisco meine Zelte aufgeschlagen, alles gemacht vom Sponsoren Hinterhertelefonieren bis zum Basteln der Wahlurnen für den Publikumspreis. Und erlebt, dass ein Amerikaner meines Alters sehr wohl ein „deutsches“ Filmfestival leiten kann. Hut ab.

Räuberin vor Festivalplakat am Castro Theatre
Neben der Opening Night, der Closing Night (am 26. Oktober mit Wer wenn nicht wir) und den dazugehörigen Partys freue ich mich besonders auf Poll, Gesicht zur Wand und Die Vaterlosen.
Poll ist erst einmal grandiose Fotografie, dann hat es einen interessanten Plot und historisches Setting Anfang des 20. Jahrhunderts, auf das wir uns hoffentlich als Lieblingszeit einigen können. Und da ich mich an L’amant nie satt sehen konnte, sehe ich ihm auch die etwas zu explizit geratene Nähe an das ästhetische Vorbild gerne nach.

Gesicht zur Wand ist ein wichtiger Dokumentarfilm, der einem noch ein paar Tage schwer im Magen sitzt. „Republikflüchtlinge“ der DDR erzählen in ihm mit Bedacht und doch einem nie aussöhnbaren Groll die Geschichte, wie die Stasi langsam ihr Leben zerstört hat: Vom Verhindern eines freien Lebens hin zum Abhören, zur Festnahme und den psychischen Foltermethoden im Gefängnis.

Die Vaterlosen ist die österreichische Sensation des Jahres, dem Bild von Hans mit Indianerschmuck lässt sich nicht mehr viel hinzufügen. Endlich ein Film, der die Probleme des Lebens in einer Kommune nicht oberflächlich anprangert, sondern sie bis zum Ende denkt.

Also: Eine Woche lang deutschsprachiges Kino vom feinsten im Indian Summer San Franciscos. Ihr findet mich im Castro wenn ihr mich sucht.

Annemaree likes…

Annemaree in her studio

… bookbinding, printing, Stanford libraries, antique book covers, japanese paper, to find little treasures in thrift stores, Mission Cultural Center, greek yogurt, to fool around with Narwhal, to have extended dinners with friends, goofy humor, a good movie for goodnight.

Sueña likes…

Suena

… the sound of paper bags on the floor, Narwhal’s food, a good jump up the wall, to jump onto human shoulders when they are coming up the stairway, to bite human feet, to scratch human legs, rest on a calm human’s lap.

Sara likes…

…Tacos for breakfast and dinner, to read about cheese, to watch Mad Men while setting up her website, to have a free weekend every once in a while, little things that light up everyday life like the smell of parsley soap in the kitchen, to go to the farmers’ market, to listen to some rap, to dance heavily with Johny.

Johny likes…

… his kitty Sueña, to take photos of the kitten,  open-minded people, El Salvador and California, Madonna, to cook wearing boots, to have a beer or two or a bourbon whisky after work, small breweries, little things that light up everyday life like wine with cheese crackers, to have a farm with chicken, to dance heavily with Sara.

Carla likes…

Carla in the community garden

… to garden, (sun)flowers, raw beans, to eat vegetarian, soccer, Iranian movies, cheap but tasty wine, to keep books from being banned, to give vegetables and flowers from her garden to her friends.

Flyology

Ada Lovelace

Einen Koffer packen für knapp vier Monate – und ihn schon am Check-In-Schalter wieder umpacken, weil er übergewichtig ist. Umsteigen in München, umgeben von strunzgesunden riesigen breit lachenden Menschen. An einem Schalter nach der Passkontrolle schreibt die Uniformierte mit großer Sorgfalt SOS auf meine Boarding Card. Im Flugzeug nach hinten durchgekämpft, da fragt mich ein Familienvater, ob ich mit seiner Frau weiter vorne tauschen könne. Gegen den Strom nach vorne gedrängelt, auf den Sitz gestolpert. Die Belohnung: Der Sitz neben mir bleibt frei. Ich habe Fenster und Gang, meine Ruhe, einen Film, ein Hörbuch und ein englisches Buch zum Einstimmen auf die Stadt der Technologie und des queeren Feminismus. Ich schlage es auf und nach zwei Seiten beginnt das Kapitel Flight:
Ada Lovelace loved all forms of communication. She sometimes wrote several letters each day, and much of her surviving writing survives in this form. ”Think what a delight”, she wrote in a letter when she learned that the electrical telegraph was coming to town in 1844. “Wheatstone says that sometimes friends hold conversations from one terminus to the other; that one can send for anyone to speak to one … Wonderful agent and invention!”
aus Sadie Plant: Zeros+Ones

Dekonstruktion und Evidenz. Ver(un)sicherungen in Medienkulturen

Aus der Schublade unters Volk: Beim Ulrike Helmer Verlag erscheint ein Sammelband mit dekonstruktivistischen Magisterarbeiten von Kulturwissenschaftler_innen der Leuphana Universität Lüneburg.
Eine Magisterarbeit zu schreiben, ist eine schöne Sache: Monatelang kann ich mich in einem Lieblingsthema vergraben. Eine Magisterarbeit zu schreiben ist zum verzweifeln: Da sitze ich monatelang an Zitaten, akademischem Formulierungswahnsinn und Formatierung und all die Arbeit werden doch nur meine zwei Prüfer_innen lesen.
»Dekonstruktion und Evidenz« heißt der Ausweg, blink blink, so könnte es von einer Plakatwand herunterlächeln. Was für ein Motivationsschub, beinhaltet der Sammelband doch die in Aufsätzen zusammengefassten Magisterarbeiten von zehn Kulturwissenschaftler_innen der Leuphana Universität Lüneburg. Sie schreiben über Geschlechter(de)konstruktionen in medialen Angeboten wie etwa Chris Köver über Buffy, Christina Ruppert über The Sopranos und Miriam Stehling über die »Unternehmerin ihrer selbst« in Germany`s Next Topmodel. Weitere thematische Klammern innerhalb des Sammelbandes sind die Repräsentationen von Mütterlichkeit, die Untersuchung der Unsichtbarkeit von Whiteness und die Konstruktion von nationalen und kulturellen Identitäten. Es werden dabei nicht nur Film- und Fernsehproduktionen untersucht, sondern auch die alltägliche Evidenz des Diskurses, etwa durch journalistische Diskursmacht. So zeigt etwa Irina Hennig am Beispiel der Berichterstattung über die »Orange Revolution« in der Ukraine durch deutschsprachige Leitmedien, dass diese benutzt wird, um eine eigene zentraleuropäische Identität in Abgrenzung von den europäischen Randgebieten zu konstruieren. Dabei wird als interessantes Nebenergebnis deutlich, dass die Ukraine wie eine wehrlose Frau betrachtet wird, die man retten oder auch einfach dem starken Mann Russland überlassen könnte. So breit das Themenspektrum also ist, es bewegt sich im Dunstkreis von Feminismus, Gender- und Queer Studies und die Herausgabe bedeutet für den Ulrike Helmer Verlag eine zeitgemäße Erweiterung des feministischen Horizonts.


Zusammengehalten werden die zu Aufsätzen zusammengeschrumpften Magisterarbeiten durch die Einführungen in poststrukturalistische und dekonstruktivistische Theorie der Lüneburger Lehrenden Tanja Thomas und Steffi Hobuß. Tanja Thomas geht darin besonders auf neue Entwicklungen in der Queer Theory ein, die Verunsicherung und VerUneindeutingung (nach Antke Engel) als politische Strategie der Sozialkritik stark macht. Steffi Hobuß verweist auf eines der Hauptprobleme aller Autor_innen, die sich in »Kritischer Theorie« (durchaus im Sinne der Frankfurter Schule, die laut Hobuß wichtige Elemente des heutigen Poststrukturalismus vorwegnahm) üben: »Die Herausforderung einer Arbeit mit den Begriffen und gegen die Begriffe« nennt sie das. Also: Kann ich das Wort »Frau« schreiben, wenn ich dieses Wort am liebsten ein für alle Mal aus dem Wörterbuch streichen würde? Lest am besten selbst.
Einen besonders sorgfältigen Blick ist die Einleitung wert. Bei der stimmt schon die Überschrift freudig: »Verunsicherungen als Forschungs- und Lehrkonzept«. Es kommen die Autor_innen zu Wort, die die Wirkung, die die Auseinandersetzung mit ihren Themen auf sie hatte, reflektieren. Also was passiert, wenn die Forschungsarbeit beginnt, einen selbst in seiner Beziehung zur Umwelt zu beeinflussen? Es ist ein oft schmerzhaften Prozess, in dem etwa Miriam Stehling bewusst wird, dass sie selbst als »Weiße« einer privilegierten Gruppe angehört und an der Konstruktion von Stereotypen beteiligt sein kann. Wiebke Stadler beschreibt die Ablehnung, auf die sie trifft, wenn sie bei Partygesprächen begeistert von ihrem Studium erzählte: »Was mir als neuer Zugang zur Welt erschien, empfanden andere als Bedrohung ihrer Realität«. Doch auch für die Studierenden selbst ist es eine Herausforderung, den »›sicheren‹ Boden unter den Füßen zu verlieren« (Irina Hennig), wenn man_frau immer wieder die eigenen Denkvoraussetzungen, und scheinen sie einem noch so selbstverständlich, infrage stellen muss. Die Beschäftigung mit dem Thema wirkt auch nicht selten in den späteren Projekten der Autor_innen nach, wie etwa für Chris Köver, die das Missy Magazine mit herausgibt, in dem »wir Ausgabe für Ausgabe versuchen, die Butlerschen Ansätze in die Praxis zu übersetzen«.
Für alle die das Denkrisiko nicht scheuen, lohnt sich ein Blick in »Dekonstruktion und Evidenz« und besonders die analysierten Medien- und Realitätsangebote machen Lust, die eigene (Medien)Welt genauer unter die Lupe zu nehmen. Hach, so viele tolle schlaue Frauen auf einem Haufen (oh nein, darf ich denn »Frauen« schreiben?!). Meine Magisterarbeit wird sich jetzt wie von selbst schreiben (ganz sicher).

Macht sich gut im Hirn wie im Bücherregal:

Tanja Thomas, Steffi Hobuß, Merle-Marie Kruse, Irina Hennig (Hg.): Dekonstruktion und Evidenz. Ver(un)sicherungen in Medienkulturen. Ulrike Helmer Verlag 2011.

Crossing Europe 4: SUBVERSES – China in Mozambique

Can the subaltern speak?, fragte Spivak vor über zwanzig Jahren. Darauf antworten die mozambiquanischen Slam Poeten in Ella Raidels Doku SUBVERSES – China in Mozambique in Versen. Beim Crossing Europe 2011 gewann die Regisseurin mit diesem Beitrag zum zweiten Mal in Folge den Local Artists Preis.

Ihr Gewinnerfilm von 2010, Slam Video Maputo, spielte ebenfalls in Mozambique. In ihm stehen Slam Poeten im Fokus, während sie in SUBVERSES nur noch eine kommentierende Nebenrolle einnehmen und eine Stimme von mehreren sind. Nach Mozambique war sie aus ernstem Grund, aus postkolonialem Anliegen und filmtheoretischer Neugier gekommen: Sie wollte wissen, was aus Godards Projekt eines Fernsehens geworden war, das die Interessen der gerade autonomen Republik spiegeln sollte. Zu ironisch, dass ein Franzose nach Maputo kam, um die Stimme eines afrikanischen Volkes zu stärken. Ella Raidel hat in Slam Video Maputo diese absurde Ernsthaftigkeit, mit der Europäer nach Afrika gehen, abgelegt und die Kamera auf ein schönes und kreatives Volk gehalten.

Teaser- SLAM VIDEO MAPUTO from Ella Raidel on Vimeo.

Vielleicht ist sie erst bei den Dreharbeiten zu Slam Video Maputo auf den Umstand gestoßen, dass chinesische Unternehmen in Afrika omnipräsent sind. Es wäre kein Wunder, liest man doch in hiesigen Medien erst seit wenigen Jahren darüber. Dass Chinese Mitte der Neunziger den Plan gefasst haben, Afrika auf wirtschaftlichem Weg zu kolonialisieren, dass chinesische Unternehmen von ihrer Regierung ermuntert werden, in Afrika tätig zu werden – diese Tatsache wird in ihrer Tragweite für die Zukunft noch nicht wahrgenommen. Von Neokolonialismus wagen die wenigsten zu schreiben oder zu reden und noch ist unter deutschen Journalisten umstritten, ob die Afrikaner nicht nur Probleme mit den Chinesen haben, weil die afrikanischen Arbeiter nicht an chinesische Disziplin gewöhnt seien.
Der Wettlauf um die Ressourcen erreicht also auch Mozambique. Dort investiert China in die Infrastruktur, als Gegenleistung sollen mozambiquanische Politiker in der UN die Interessen Chinas vertreten, klärt Ella Raidels chinesischer Kommentator die auf, die glauben, China verfolge allein wirtschaftliche Interessen. Dieser Kommentator liest ein so ehrliches Zeugnis eines chinesischen Arbeiters vor, wie man es sehr selten liest oder hört. Ahnungslos kam er nach Maputo und war geschockt, wie schlecht die afrikanischen Arbeiter behandelt wurden und dass sie ihn über sein Heimatland nicht fragten, wie die Olympischen Spiele gewesen seien, sondern ob es dort auch Seggregation gebe.

Ella Raidel fängt dazu schmerzhaft schöne Bilder ein, von Arbeitern in pinken und blauen Uniformen auf grauen Baustellen. Und sie zeigt wie beim Essen Seggregation herrscht, wie Chinesen Pause machen während Afrikaner arbeiten und wie hilflos Letztere vor den in chinesisch verfassten Lohnzetteln stehen und sich nicht über Unregelmäßigkeiten beschweren können, weil sie dann im besten Fall entlassen werden und im schlimmsten Fall die eigene Polizei auf den Hals gehetzt bekommen.
Die Subalternen nehmen dazu in einer Sprache Stellung, die der der Kolonisatoren entlehnt ist und die sie doch zu ihrer eigenen gemacht haben: Auf Portugiesisch, das in Melodie und Rhythmus nichts mit der Sprache zu tun hat, die in Portugal gesprochen wird. Und in Spoken Word Poetry, die irgendwie amerikanisch, aber auch sehr afroamerikanisch konnotiert ist. Es ist kein Lamentieren, sondern Kunst von besorgten und engagierten Menschen.
Durch die Sprache und die Bilder wird das ernste Thema von einer fesselnden Schönheit umgeben und die persönlichen Beobachtungen in den Kommentaren lassen Zuschauer_innen sehr nahe an die mozambiquanische Realiät heran. Zwei Völker, bei denen wir Schwierigkeiten haben, ihre Menschen als fühlende oder kreative Individuen wahrzunehmen, lassen sich in SUBVERSES – China in Mozambique erfahren. Ein hochverdienter Gewinner, der eigentlich längst über eine Reihe namens Local Artists heraussticht und auch seine ganz dringend notwendige Tour durch größere europäische Festivals, Blogs und Hirne antritt.

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